Ergotherapie Nadja Haas, München Trudering



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Quo Vadis, Ergotherapie, 2021?
#wednesdayforergotherapie

Jahresrückblick 2020

Ein äußerst interessantes und spannendes Jahr 2020 ist zu Ende gegangen. Ich bin gespannt wie es im Jahr 2021 weitergeht!

Nachdem mir im März der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde und ich überhaupt nicht wusste, wie und wann es weitergehen würde, kam unser Klientel doch sehr schnell wieder zurück! Danke, an alle ermunternden Worte und an alle, die uns die „Treue" gehalten haben! Es gab schließlich auch in Bayern ein politisches Einsehen (immerhin nach 5 Tagen des Wartens), dass wir zu den systemrelevanten Berufen gehören und dass es durchaus Sinn macht, die Behandlungen weiterzuführen.

Vor Jahren gefällte Entscheidungen – wir arbeiten seit Jahren mit Tablets für die Dokumentation, Abrechnung und Planung (d.h. wir sind schon digital) - haben zu einem schnellen Einsatz der Videotherapie geführt, andere Entscheidungen haben dazu geführt, nicht vor verschlossenen Einrichtungstüren zu stehen. Auch die neu geforderten Hygienestandards erforderten für uns keine große Umstellung, da sowieso schon in jedem Zimmer Desinfektionsspender genutzt wurden. Auch Masken (für Notfälle) und Handschuhe lagen zur alltäglichen Hygiene bereit…

Durch die ganzen Vorschriften, die ich in der Praxis umsetzen sollte, gab es viele Denkanregungen und es haben sich viele schöne Ideen entwickelt, die sowohl mir, als auch meinen Mitarbeiterinnen und auch meinem Klientel zugute kamen. Die Ideen wurden noch weiterentwickelt und es sind wirklich schöne Dinge entstanden, die ich im Januar nie im Leben hätte voraussagen können (Praxismaskottchen, Dienstkleidung, Ergotascherl… später die neue Homepage mit Animation).

Viele offene Fragen

Es gibt aber durchaus auch viele Geschehnisse, die nicht nachvollziehbar sind: Im März und April wurde viel geklatscht für Pflegekräfte und Krankenschwestern und weitere systemrelevante Berufe. Es gab im öffentlichen Dienst eine Erhöhung im Gehalt für diese Berufsgruppen. Vergessen wurden aber die (ich spreche nachfolgend von ergotherapeutischen) Heilmittelpraxen!

Zum 1.10.2020 hätte eine neue Heilmittelrichtlinie und ein neuer Rahmenvertrag mit neuer Preisvereinbarung in Kraft treten sollen.
Neue Heilmittelrichtlinie: Verschoben auf 2021:

weil die Softwarehersteller es nicht geschafft hatten, die Software anzupassen. Um kein Chaos bei den Ärzten zu verursachen, hat man in Kauf genommen, dass die ergotherapeutischen Heilmittelerbringer das Nachsehen haben.

Neuer Rahmenvertrag: Verschoben auf 2021:

Da die gesetzlichen Krankenkassen bei einigen Punkten so blockieren, dass diese Punkte bei einer Schiedsstelle gelandet sind.

Preisvereinbarungen: Verschoben auf 2021:

Es gibt ein Gutachten (WAT Gutachten), welches die verheerende finanzielle Lage der Heilmittelerbringer aufzeigt, mit einer erheblichen Einkommenslücke. Auch hier blockieren die gesetzlichen Krankenkassen und die Preisverhandlungen sind ebenfalls einer Schiedsstelle übergeben worden.

Es gibt schon jetzt einen erheblichen Fachkräftebedarf und somit sehr viele offene Stellen in den Heilmittelpraxen, diese Verweigerungshaltung mit zu geringer Vergütung führt nicht gerade dazu bei, dieses Problem aufzulösen… In Konkurrenz stehen die städtischen Kliniken, die durch Steuergelder quersubventionert werden.

In der Pandemie wird viel über Solidarität geredet, es wird viel über Recht auf Leben geredet…

Recht auf Leben heißt für mich auch Recht auf therapeutische Behandlung, um im Alltag wieder zurechtzukommen. Gerade bei COVID 19 Genesenen zeigen sich viele Symptome, die lange nach der Erkrankung noch auftreten, wie Sensibilitätsstörungen, Parästhesien, Armbewegungsstörungen, Fatiguesydrom, Merkfähigkeits- und Konzentrationsstörungen, Geschmacks- und Geruchsverlust etc. Dies sind alles Bereiche, die in der Ergotherapie behandelt werden könnten, allerdings wenn es zu wenige Therapeuten gibt und man über Monate auf seinen Therapieplatz warten muss…?????

Recht auf therapeutische Behandlung heißt für mich auch, dass die Therapeuten ebenfalls im ambulanten Bereich entsprechend bezahlt werden.

Und Recht auf Therapie und Wissenschaft heißt für mich auch, dass wir Ergotherapeuten studieren dürfen. Das erste Studium ist in den Niederlanden für deutsche Ergotherapeuten entwickelt worden und dies war 1998. Es sind sehr viele Jahre vergangen, es kam die Bolognareform, Österreich und die Schweiz haben die Ergotherapieausbildung auf ein Bachelor Studium angehoben und was ist in Deutschland passiert???? Nichts! Ein Studium wäre auch kostenfrei, viele Interessierte scheuen die hohen Kosten der Ausbildung (diese ist noch immer nicht in allen Bundesländern kostenfrei). Mit einem Studium wiederum wäre dieses Thema endgültig ad acta gelegt.

Inzwischen sind wir in einer Sackgasse, viele Ergotherapeuten mit guten Hochschulabschlüssen gehen zum Arbeiten ins Ausland. Fachkräfteabwanderung nennt man das!

Interessanterweise ist die Berufsnovellierung im August diesen Jahres schon auf die nächste Legislaturperiode verschoben worden. Auch dies verstehe ich nicht, denn es ist doch noch ein Jahr, ein ganzes Jahr, in welchem sich der Bundestag oder eine Arbeitsgruppe diesem Thema widmen könnte und es erneuern könnte.

Warum schreibe ich diese Zeilen?

Seit 1998 bin ich Ergotherapeutin, im Jahr 2000 habe ich meinen Bachelor erworben, 2008 habe ich mich selbstständig gemacht, ich finde diesen Beruf richtig toll.

Mir ist es wichtig, auf uns Ergotherapeuten aufmerksam zu machen, die Corona-Krise zeigt so deutlich auf, wo die Lobbyisten sitzen, wo so wahnsinnig viel Geld hinfließt und dass es Bereiche gibt, die von politischer Seite total verschlafen werden und wohin das Geld eigentlich für die Gesamtgesellschaft besser hinfließen sollte. Das teuerste Gut, das eine Gesellschaft hat, ist der einzelne Mensch!
Unser Bereich ist seit Jahrzehnten wichtig für die Teilhabe des Menschen am Leben, für die Nachsorge von (auch schweren) Erkrankungen und mit SARS-CoV2 ist noch eine weitere dazugekommen.

Ich möchte, dass wir dringend in den Fokus der öffentlichen Medien rücken werden, dass wir dringend bei den politischen Vertretern unseres Staates wahrgenommen werden und dass unsere Berufsgruppe eine Stimme hat.

#wednesdayforergotherapie!!!!